03 Februar, 2014

Zu Unrecht liegen Gebliebenes 02/2014

Vieles würde unter den Tisch fallen, würde es diese Rubrik nicht geben. Das wäre gerade in diesem Monat schade, würde einem doch "Still Flyin'" oder "Of Montreal" entgehen. Damit sind wir schon mitten drin: Eigentlich war es keine totale Überraschung, denn schon das Cover des elften Studioalbums von "Of Montreal" lässt Rückschlüsse zu: Es ist ein gemaltes Bild, das in seiner bewusstseinserweiternden Buntheit durchaus an Yellow Submarine von The Beatles erinnert. So gibt sich auch die Musik mit Fortdauer der CD gleichsam beatlesk, schöne Melodien, Brüche und mehrstimmige Chöre inklusive. Die Lieder treiben ordentlich vorwärts und sind ob der psychedelischen Reminiszenzen überdurchschnittlich gut. Im versponnenen und dennoch kraftvollen Schlussstück "Authentic Phyrrhic Remission" folgt auf den Ausbruch die Reduktion, es nimmt sich mehr als 13 Minuten Zeit zur Entfaltung und ist auch für U-Boot-Fahrten geeignet.
Ganz anders rocken die Salzburger von Betty's Apartement: Auch wenn sie ihre CD "Silence In The Sound" nennen. Mal auf Deutsch, mal auf Englisch, auch mal denglisch blicken die Arrangements und Gitarrenwände dem Punkrock ins Gesicht, das hat Kraft und die Texte passen auch. Gut gemacht.
Die Abarbeitung von liegen gebliebenen CDs ist auch eine Befreiung, aber das nur nebenbei. Das Reduzieren des Stapels geht weiter mit: Joshua und ihrem Album "Choices", das sich in der Nähe von Betty's Apartement wiederfindet. Die Band aus dem Bundesstaat New York meldet sich nach rund 5 Jahre andauernder Pause mit kraftvollen Gitarren und wunderbaren Hooklines wieder zurück, die CD wird uns vom verdienstvollen deutschen Label Arctic Rode Recordings zugänglich gemacht. Anspieltipp: "Mean What You Say"
What next? Ah, endlich: Fargo aus Linz mit "Violations in E & A". Nicht erst mit ihrem fulminanten Auftritt im WUK 2013 haben sich die 4 aus OÖ zur Lieblingsband hochgespielt. Die Songauswahl ist exzellent und beweist exquisiten Musikgeschmack wie Geschichtsbewusstsein, sie reicht von Tom Waits und Paolo Conte bis zu Ray Davis. Die Lieder sind schön - auch mal mit Trompete und Toy-Piano arrangiert - nicht zu vergessen: Das Hank Williams-Cover des Klassikers "Ramblin' Man", das durch seine Schlichtheit besticht und das Herz anrührt. Die Band macht franko- und italophil angehauchte Indie-Bar-Americana-Musik, kurz: Eine wunderbare CD, einfach anhören und auch unbedingt mal live ansehen!
Das gilt auch für die US-Band Still Flyin', deren Album "On A Bedroom Wall" via staatsakt nach Europa gekommen ist. Die Presseinfo schreibt, die Band wäre 80er-Jahre retro und dennoch im Jetzt - und hat Recht. Freundliche Synthie-Sounds treffen auf freundliches Songwriting, das passt. Die Kalifornier um Bandleader und Songwriter Sean Rawls erinnern zuweilen an New Order oder Human League, produziert hat Hamia Marriott von Architecture in Helsinki. Absolute Empfehlung.
Ein in sich kompaktes Album hat die Hamburger Band Die Heiterkeit mit "Herz aus Gold" aufgenommen. In der HH ist DH bereits Kult, vielleicht liegt es an der lapidaren Art des Vortrags, den Stella Sommer in der Alt-Lage umsetzt. Cool ist die Selbstinszenierung dieser Band schon. Noch bevor es einen Song gab, wurden Bandfotos gemacht. So kommt das Album hingerotzt und ein bisschen schräg rüber, kurz: Es ist ein Debüt-Werk, dem man die Jugend anmerkt, bei dem auch die Instrumente nicht immer optimal bedient werden und das Schlagzeug auch mal ruckelt. Inhaltlich geht es oft ums Herz, siehe Titel, da heißt es z.B.: "Für den nächstbesten Dandy wirst du mich verlassen." Klar, Lassie-Singers, Hamburger Schule und die NDW sind keine neuen Nachrichten mehr - und irgendwo zwischen diesen Koordinaten bewegt sich diese Band, wenn auch zuweilen ein wenig dilettantisch.
Es ist noch ein weiter Weg zu gehen, bis Die Heiterkeit soweit sein werden wie die nächste Band, die in ihrem eigenen Universum agiert: Stereo Total sind tatsächlich Kult und stellen dies auch mit Album Nr. 11 "Cactus vs. Brezel" unter Beweis. Billige Synthies oder gar Heimorgeln, gegengeschnitten mit Disco-Rhythmen und lustigen Texten. "Cactus vs. Brezel" ist auch: Deutschland vs. Frankreich, Lied vs. Chanson, 70ies vs. 60ies. Und das sind natürlich keine Widersprüche, sondern einander ergänzende Gegensätze. Wie heißt es in der Presseinfo so schön: "Cactus vs. Brezel" ist ein Hit-Album für das metrosexuell-orientierte Landei in uns. Ah, qui!
Vom Land in die Stadt: Coy macht auf "All Spots On Me" gereifte Pop-Rockmusik, der man manchmal ein wenig mehr Verschnaufpausen gönnen möchte. Das Debüt-Album von Coy entfaltet seinen Zauber am besten, wenn es auf die ruhige Karte setzt. "I need silence to understand the music", heißt es im Schlussstück vielleicht schon programmatisch, das sich als Ohrwurm zeigt (dafür gibt es einen Extrapunkt) - mal hören wie es mit Coy weitergehen wird.
Auch "Rush For Second Place" von Protestant Work Ethic begeistert in aller Ruhe: Die CD beginnt recht traditionell, um sich immer mehr dem Alternative Country zu zu wenden und mit einem Schritt in Richtung Jazz zu gehen. Dazwischen ist auch mal Platz für einen Bläsersatz. Und dann holt die kongeniale Band bei "Racing In The Rapids" zu einem lupenreinen Country-Song aus. Dann gleich wieder Reduktion - so halten Protestant Work Ethic die Spannung bis zum Schluss. Alle Lieder stammen von Simon Usaty, der die Stücke auch gemischt hat und übrigens bei der aktuell vielleicht interessantesten österreichischen Band, bei Pabst, mitspielt. Kurzum: "Rush For Second Place" ist eine schöne CD für die ruhigen Momente des Lebens. (jpl)

Betty's Apartement: "Silence In The Sound" (7/10)
Coy: "All Spots On Me" (7/10)
Die Heiterkeit: "Herz aus Gold" (5/10)
Fargo: "Violations in E & A" (8/10)
Joshua: "Choices" (7/10)
Of Montreal: "Paralytic Stalks" (9/10)
Protestant Work Ethic: "Rush For Second Place" (8/10)
Stereo Total: "Cactus vs. Brezel" (7/10)
Still Flyin': "On A Bedroom Wall" (8/10)